Dokumente des ‚Brother Textsystem WP-1‘ am PC einlesen

In den 1980er Jahren kamen viele neue Computer auf den Markt – neben den Homecomputern von Commodore, Sinclair Spectrum, Atari, Schneider, MSX, Apple, IBM – und ich habe bestimmt noch ein paar vergessen…
Durch die neuen Möglichkeiten der Mikroprozessoren wurden auch mechanischen Geräte wie die Schreibmaschine modernisiert – Textverarbeitung. Die Datenträger wurden auch handlicher und robuster – wobei die Nutzung des Magnetismus immer ein Risiko für die Disketten war und noch ist. Die Daten wurden ähnlich wie beim Tonband oder der Kassette auf die Disketten geschrieben.
Das Format, wie die Diskette in Blöcken, Sektoren, Tracks und Seiten eingeteilt („formatiert“) wurde, ist von einem Hersteller zum anderen verschieden. So passen 3,5-Zoll-Disketten zwar auch in ein Laufwerk eines älteren PCs, aber das Betriebssystem kann die Diskette trotzdem nicht auslesen. Sind die Daten verloren?

Brother WP-1 Textsystem
Das Textsystem von Brother, der WP-1 (wordprocessor), ist eine Schreibmaschine mit einem Typenrad. Das Typenrad hat 95 Zeichen, die für den Druck durch Drehung nacheinander in die Schlagposition des Hammers gebracht werden, der dann zusammen mit dem Farbband das Zeichen ins Papier schlägt. Wie schon mit einer mechanischen Schreibmaschine kann der Benutzer durch Kombination, also das Überdrucken mehrerer Zeichen, weit mehr als die 95 Zeichen des Typenrades aufs Papier bringen. Beispielsweise kann durch das Drucken eines O, dann einen Schritt zurück und darüber das Drucken eines / in dieser Kombination ein Ø (Durchmesser-Zeichen) geschaffen werden.
Der WP-1 kann nicht nur als Schreibmaschine genutzt werden (also wenn ich eine Taste tippe, wird das Zeichen sofort gedruckt), sondern auch als Textverarbeitungssystem, des er hat auch einen Bildschirm, auf dem der Text vor dem Druck fast beliebig editiert werden kann. Das so vorbereitete Dokument kann auf Knopfdruck mehrfach ausgedruckt werden – und auf dem Diskettenlaufwerk für einen späteren Zeitpunkt auf Diskette gespeichert werden.
Auf diesem System wurden so im Laufe der Jahre – und bei manchen Nutzern auch heute noch – Tausende Disketten beschrieben.

Der WP-1 speichert seine Dokumente auf 3,5-Zoll-Disketten. Es können hierbei jedoch nur D- oder DD-Disketten verwendet werden, HD-Disketten kann das Laufwerk nicht verwenden. Es können bis zu 64 Dokumente auf der Diskette gespeichert werden, jedoch insgesamt nur 120kB. Diese Disketten können mit Windows nicht gelesen werden, auch damals zu MS-DOS-Zeiten konnten die Disketten am PC nicht gelesen werden. Spätere Modelle von Brother verwendeten zur Kompatibilität auch DOS-lesbare Disketten, nicht aber der WP-1. Und jetzt? Dokumente verloren?

Die Überlegung liegt nahe, irgendwas mit dem Diskettenlaufwerk zu machen, daß man die Daten doch in den PC hinein bekommt.
Hier setzt das Projekt KryoFlux an: Disketten lesen, die nicht für den PC erstellt wurden.
In einem ähnlichen neueren und kostengünstigerem Projekt, FluxEngine, wird aktuell auf das Ziel hingearbeitet, alle Diskettenformate am PC einlesen zu können – mir reicht schon das Lesen der WP-1-Disketten.

FluxEngine in der Schachtel

David Given hat die FluxEngine ins Leben gerufen. In seinem Projekt beschreibt er auf seiner Webseite seine Fortschritte und stellt den Sourcecode und Firmware in Github zum Nachbauen bereit. Ich bin ein Laie mit dem Lötkolben, habe es aber auch hinbekommen. Ein altes Diskettenlaufwerk hatte ich schon, den Adapter habe ich mir wie beschrieben zusammengebaut und es hat auf Anhieb funktioniert (nachdem ich gelernt habe, wie man das alles compiliert) – ich kann jetzt WP-1-Disketten ins aktuelle Windows einlesen!

David’s Software generiert beim Auslesen der Disketten ein Image. DOS-Disketten-Images kann ich dann mit 7-zip öffnen und die Dateien daraus entpacken. Die WP-1-Disketten-Images jedoch funktionieren anders. David hat ein Tool geschrieben, das die Dokumente aus dem Image herauskopiert. Wer jetzt hofft, diese Dokumente am PC gleich weiterverarbeiten zu können, wird enttäuscht.

WP-1-Dokumente orientieren sich nicht an dem gewohnten Zeichensatz, den wir am PC verwenden. Die Dokumente enthalten viele Steuerzeichen für die Seitenaufteilung, Tabulatoren, Textweite, Sonderzeichen, …

Brother kündigte damals an, es werde ein Konverter kommen, der die Texte für den PC lesbar machen wird. Der Konverter kam jedoch nie auf den Markt.

Ansicht des Konverters
Heute versuche ich mich daran, den Konverter zu realisieren und es sieht bis jetzt schon gut aus!

Ich verwende einen original WP-1, gebe dort Testtexte ein, speichere sie auf der Diskette, die ich dann mit der FluxEngine auf den PC übertrage. Zusammen mit dem Hexeditor und der Originalansicht auf dem WP-1 erkenne ich, welche Zeichen der PC für die WP-1-Zeichen darstellt. Daraufhin passe ich den Konverter an. Beispielsweise schreibe ich ein „-“ am WP-1 und sehe am PC für dieses Zeichen ein „ö“. Also weise ich den Konverter an, wenn ein „ö“ im Text kommt, an dieser Stelle ein „-“ zu schreiben. Schwierig sind die Kombinationen mit „Tot-Zeichen“ ´`^ und ~° – mit diesen Zeichen können internationale Zeichen gedruckt werden wie é, è, ê und dann nochmal in Großbuchstaben – in 3 Schrifttabellen und dann noch fett und unterstrichen… Für alles sind Codes in dem Dokument gespeichert, sie folgen aber einer Logik und sind nicht verschlüsselt, das macht es relativ einfach. Mit dem Handbuch zum WP-1 entdecke ich weitere Funktionen, die ich in Testtexten dann ausprobiere und analysiere.

Sobald ich die Texte aus meiner Sicht vollständig konvertieren kann, stelle ich eine Beta zum Download bereit und würde mich über Feedback freuen, wenn deine Texte noch nicht ganz korrekt wiedergegeben würden. Die Dokumente können dann auch vom Konverter aus gedruckt bzw. als RTF (Richtextformat) gespeichert werden.

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